Die steigenden Wurfgrößen moderner Zuchtlinien stellen Schweinehalter zunehmend vor Herausforderungen in der Ferkelaufzucht. Abferkelbuchten bieten den Sauen häufig nicht mehr ausreichend Platz, um ihrem natürlichen Verhalten nachzukommen. Gleichzeitig fordert die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung ab 2036 eine deutliche Reduzierung der Fixierungszeiten. Dies zwingt Betriebe dazu, alternative Haltungs- und Managementsysteme zu etablieren.
Tierwohl mit Mehrwert: Warum das Agilo RS-System gleich mehrfach überzeugt
Gruppenhaltung ferkelführender Sauen im Fokus
Tierwohl mit Mehrwert
Im Landkreis Ammerland (Niedersachsen) hat Familie Specht ein innovatives Haltungssystem entwickelt und in Zusammenarbeit mit der Firma Big Dutchman umgesetzt. Das Konzept wird unter der Bezeichnung Agilo RS vertrieben und kombiniert Gruppenhaltung, Bewegungsfreiheit und optimierte Stallhygiene.
Der Stall umfasst zwei Abteile mit jeweils sechs Buchten (5,5 m × 3,0 m). Pro Bucht werden drei Sauen mit ihren Würfen eingestallt. Ergänzend steht ein Ferkelnest mit 4,5 m² zur Verfügung, das durch die Trogwand vom Sauenbereich getrennt ist. Die Ferkel können frei zwischen Nest und Gruppenfläche wechseln; bei Behandlungen lässt sich der Zugang per Seilzug verschließen.
Die Flächen sind in Funktionsbereiche gegliedert:
- Liegebereich: Gussrostböden mit geringer Perforation.
- Aktivitätsbereich: vollperforierter Kunststoffboden.
- Kotbereich: Gussrostböden mit Kontaktgittern sowie Tränken im hinteren Stallabschnitt.
Als Struktur- und Beschäftigungselemente dienen unbehandelte Eichenstämme.
Das Management sieht vor, die Sauen mit ihren Ferkeln am dritten Lebenstag in die Gruppenbuchten umzustallen. Dabei werden zunächst die Sauen in die Gruppenbuchten verbracht. Die Ferkelbehandlungen erfolgen auf dem Weg in die Gruppenbuchten in einem separaten Raum, der über eine eigene Belüftung verfügt, um den Arbeitsschutz (z. B. bei Isofluran-Kastration) zu verbessern. Auf das Kupieren der Schwänze wird verzichtet, die Ferkel werden mit Langschwanz aufgezogen.
Die Tiere verbleiben durchschnittlich 35 Tage in der Gruppe, bevor die Ferkel in das Flatdeck umgestallt werden. Die Sauen werden trocken gefüttert, das Futter wird dabei in bodennahe Tröge ausdosiert, die sowohl vom Ferkelnest als auch von der Gruppenfläche zugänglich sind. So können auch die Ferkel mitfressen, die Ferkel lernen so das „Fressen“ von den Sauen.
Zur Reinigung kommt ein Waschroboter zum Einsatz, der die Buchten automatisiert säubert und so Arbeitszeit einspart.
Ergebnisse
Tiergesundheit und Verhalten
- Die Sauen zeigen nach dem Umstallen ein ruhiges Verhalten ohne ausgeprägte Rangkämpfe oder Aggressionen.
- Durch die erhöhte Bewegungsfreiheit bleiben die Tiere fitter, nehmen mehr Futter auf und halten ihre Kondition länger.
- Verletzungen am Gesäuge treten seltener auf.
Ferkelentwicklung
- In der ersten Lebenswoche sind Gruppenferkel 6–7 % leichter als Vergleichsferkel in Einzelabferkelbuchten.
- Am 35. Lebenstag sind sie jedoch >1 kg schwerer.
- Am Ende der Ferkelaufzucht (75. Lebenstag) beträgt der Gewichtsvorteil über 4 kg.
- Der typische Absetzknick bleibt aus; stattdessen tritt eine leichte Wachstumsdepression beim Umstallen in die Gruppe auf, die jedoch schnell kompensiert wird.
- In der Mastphase erreichen die Tiere Tageszunahmen von über 1.100 g bei gleichzeitig hoher Ruhe im Bestand und einem Anteil von 99 % ungekürzten Langschwänzen bei der Schlachtung.
Arbeitswirtschaft und Stallhygiene
- Der Waschroboter reduziert den Arbeitsaufwand im Abteil um 5–6 Stunden pro Woche; hochgerechnet ersetzt er eine Arbeitskraft im Betrieb.
- Das Reinigungsergebnis liegt bei ca. 98 %, wodurch Stallklima, Schädlingsbekämpfung und Keimbelastung verbessert werden.
Wirtschaftlichkeit
- Die exakten Baukosten sind schwer bezifferbar, da eine bestehende Maschinenhalle als Bauhülle diente.
- Big Dutchman bietet die Stallinneneinrichtung für etwa 2.400 € je Sauenplatz (netto, inkl. Montage, Elektroarbeiten und Beleuchtung) an.
- Die verbesserte Leistung der Ferkel sowie die Arbeitszeitersparnis tragen zur langfristigen Wirtschaftlichkeit bei.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Gruppenhaltung ferkelführender Sauen im Agilo RS-System sowohl tierschutzrechtliche Anforderungen erfüllt als auch produktionstechnische Vorteile mit sich bringt. Die Kombination aus Bewegungsfreiheit, strukturiertem Stalllayout und Ferkelnest ermöglicht ein hohes Maß an Tierwohl.
Besonders hervorzuheben ist die positive Entwicklung der Ferkel, die im Gruppenverband stressresistenter und vitaler aufwachsen. Dies wirkt sich nicht nur auf die Aufzucht, sondern auch auf die Mastphase positiv aus.
Gleichzeitig bringt das System arbeitswirtschaftliche Vorteile durch den Einsatz automatisierter Reinigungstechnik. Die Herausforderung liegt in der Synchronisierung der Geburten und dem Management des Umstallens. Experten verweisen zudem darauf, dass rechtliche Aspekte – insbesondere die Auslegung der maximal zulässigen Fixierungsdauer – von den Behörden abschließend geklärt werden müssen.
Fazit
Das Agilo RS-System stellt eine praxistaugliche und zukunftsweisende Alternative zu klassischen Bewegungsbuchten dar. Es kombiniert Tierwohl, Leistungsvorteile und Effizienzsteigerungen im Betriebsmanagement. Die positiven Erfahrungen des Betriebs Specht lassen darauf schließen, dass die Gruppenhaltung ferkelführender Sauen nicht nur eine gesetzliche Pflicht erfüllt, sondern auch einen Beitrag zur nachhaltigen Schweineproduktion leisten kann.



